Nett gemeint oder ehrlich

Astrid (A) hat in der letzten Zeit einige Male Situationen erlebt, in denen auf Tweets, die sie über sich selbst geschrieben hat, Antworten kamen, die sie als „inhaltsleere Floskeln“ wahrgenommen hat. Ruth (R) antwortet im Gespräch unten teilweise aus ihrer eigenen Perspektive, teilweise aus der Perspektive der Allgemeinheit. Vorweg stehen zwei kurze Dialogszenarien, die unterschiedliche Antwortmöglichkeiten beispielhaft zeigen.

Szenario 1
Person 1: …. Denn ich bin langweilig.
Person 2: Nein, bist Du nicht. Wie kannst so etwas über Dich denken. Du bist doch total interessant.
Person 1: Nein, bin ich nicht.
Person 2: So ein Unsinn!

Szenario 2
Person 1: …. Denn ich bin langweilig.
Person 3: Wie kommst Du darauf?
Person 1: Ich empfinde es als Fluch, dass Menschen „interessant“ sein müssen. Ich bin das nicht und ich möchte das auch gar nicht sein.
Person 3: Interessanter Standpunkt, so habe ich das noch nicht betrachtet.

Gespräch:
A: Ich habe vor kurzem tatsächlich in einem Tweet über mich geschrieben, dass ich langweilig bin (was für mich stimmt und hier auch nicht diskutiert werden soll). Interessant war, dass niemand das einfach stehen lassen konnte und alle Reaktionen wie in Szenario 1 verliefen.

R:  Wenn ich ehrlich bin, war mein erster Impuls auch ein Widerspruch, im Sinne von „das kann doch nicht sein“.

A: Und was soll so ein Widerspruch bei mir bewirken?

R: Vielleicht soll er einfach nur signalisieren, dass ich das anders wahrnehme.

A: Indem Du mir gleichzeitig signalisierst, dass ich von mir selbst keine Ahnung habe – im Gegensatz zu Dir?

R: Natürlich nicht, das ist keinesfalls die Absicht. Vermutlich ist es vielmehr mein Bedürfnis, es nicht stehen lassen zu können, wenn jemand in dieser Art und Weise negativ über sich selbst spricht.

A: Aufgrund Deiner Bewertung als „negativ“ muss ich mir also zu einer aus meiner Sicht realistischen Äußerung Dinge anhören, die ich als unsinnig empfinde.

R: Sicherlich bewerte nicht nur ich „langweilig“ als negativ, das machen bestimmt viele andere auch.

A: Ja, und?

R: Nun ja, wenn der allgemeine Sprachgebrauch langweilig so interpretiert, dann fällt es schwer, das nicht zu übernehmen und es anders zu deuten.

A: Es müssen sich also alle Menschen schön und interessant fühlen, sonst muss man ihnen widersprechen?

R: Widersprechen ist an dieser Stelle vielleicht eher als freundliche Geste gedacht, die Aussage zu überdenken.

A: Warum sollte ich meine Aussage über mich überdenken, wenn Du mir – völlig ohne Kenntnis des Hintergrundes meiner Aussage – ein gut gemeintes „das sagt man nicht über sich selbst“ hinwirfst?

R: Ja, gut gemeint. Da stimme ich dir zu. Beim reflexhaften schnellen Antworten gehe ich von meinen Erfahrungen aus und die scheinen anders zu sein als deine.

A: Jeder Mensch macht unterschiedliche Erfahrungen. Ich finde es halt belastend, wenn ich auf eine ehrliche und realistische Äußerung über mich selbst lauter „sei positiv“ Antworten lesen muss, die für mich aufgrund meiner Erfahrungen nicht passen.

R: Welche Reaktion wünschst du dir denn an dieser Stelle?

A: Meistens hätte ich mir gewünscht, dass die Menschen meine Äußerung einfach stehen lassen. Man muss nicht alles bewerten. Ansonsten kann ich besser mit Fragen umgehen als mit gut gemeinten „im Gegenteil“ Antworten.

R: Sind dann diese „gut gemeinten“ Antworten nicht mehr als Floskeln für dich?

A: Es sind inhaltsleere und sinnlose Standardantworten, die nichts mit mir zu tun haben und die mir oft sogar weh tun, weil sie meine Beurteilung meiner Situation als unwichtig abtun.

R: Ich bin mir sicher, dass das keinesfalls beabsichtigt ist. Es passiert, weil man automatisch von der eigenen Situation auf dich schließt.

A: Mir ist schon klar, dass eine gute Absicht hinter diesen Antworten steckt. Gleichzeitig hilft es wenig, wenn man lauter gut gemeinte Floskeln  liest. Das ist nicht ehrlich.

R: Dazu fällt mir folgender Satz aus der Gewaltfreien Kommunikation ein. „Wenn Du kannst sei empathisch, ansonsten sei ehrlich.“

A: Den Satz finde ich gut. Weniger gut gemeinte Floskeln, lieber schweigen oder ehrlich antworten.

R: Ja, man kann auch schweigen. Wir sollten das öfter tun.

Was folgt daraus?
Habt Ihr selber – online oder offline – schon Antworten bekommen, die Ihr als inhaltsleere Floskeln empfunden habt? Könnt Ihr Beispiele nennen? Und wie geht Ihr mit solchen Antworten beziehungsweise mit den Menschen, die so antworten, um?